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Erstes Mainzer Literaturfestival mit Harald Martenstein & Co: 40 Stunden Programm

Mainz Die Kulturszene ist um eine Attraktion reicher: Das erste Mainzer Literaturfestival bot Lesungen, Hörspiele und mehr. Ob es eine Fortsetzung gibt, ist allerdings ungewiss.

Ein wenig unsicher klang Harald Martenstein schon, als er meinte: "Ich freue mich sehr, dass ich in dieser historischen Stunde das Mainzer Literaturfestival eröffnen kann - hier, an diesem Ort, der den Namen DGB-Keller wirklich verdient hat." Beinahe 100 vorwiegend junge Gäste waren gekommen, um in dem eher schäbigen Gewölbe dem Kolumnisten der "Zeit" zu lauschen. Er las von seiner Jugend in Mainz, als er mit dem Großvater den Bruchweg besuchte: "Der Verein hatte nie etwas Nennenswertes gewonnen. Er verlor alle entscheidenden Spiele, falls er überhaupt in ein entscheidendes Spiel hineinkam."

Das erste Mainzer Literaturfestival hatte begonnen, bevor der Aufstieg der 05er im Kasten war. 19 Künstler lasen an drei Tagen im Keller. Dazu präsentierte die Pengland-Hörlounge in der Reichklarastraße Hörspiele en masse, und auch das Capitol-Kino hatte sich mit einigen Veranstaltungen angeschlossen. Mehr als 40 Stunden Programm hatte Miriam Spies, Leiterin des Gonzo-Verlags, auf die Beine gestellt. Mit 15 ehrenamtlichen Helfern bot sie so erstmals eine facettenreiche Ergänzung zur traditionellen Mainzer Minipressen-Messe am Rhein.

"Schmerzerzerz", tönte es zu psychedelischen Klängen. Donner, Gewitter, das Ticken eines Geigerzählers, dann wieder diese Stimme: "Die Worte im Mund zwischen den Zähnen zermahlen und sie vollends auf der Zunge zergehen lassen." Fremd klang die "Letternmusik" von Stephan Flommersfeld und A. J. Weigoni. Im Pengland war Experimentelles zu hören, aber auch eine TKKG-Parodie oder trashige Gruselhörspiele. Leider kamen wenig Gäste, obwohl sich Hörspielautoren wie Daniel Nipshagen eingefunden hatten, um Rede und Antwort zu stehen.

Und auch im DGB-Gewölbe war der Zulauf etwas dünn. 30 Interessierte hörten die bemerkenswerte Lyrik des Bremers Lutz Steinbrück: "Die Sterne saufen ab. Wir haben das Licht in gläsernen Scherben aufbewahrt. So sparen wir Energie."

Zugegeben, es gab durchaus Unterirdisches im Keller: Die gouvernantenhaften Verse der Berlinerin Ruth Benrath blieben selbst für Lyrikfans unverdaulich. Aber dafür entschädigten Frank Meyer, der von schüchternen Kerlen und schönen Frauen las, Alexander Pfeiffer mit seinen düsteren Wiesbaden-Krimis und Hubert Neumann mit dem Kultroman "Lusthängen".

Am dritten Festivaltag ging Organisatorin Spies auf dem Zahnfleisch: zu wenig Schlaf, Autoren, die in letzter Minute kamen, denen der Lesetisch nicht passte, das Licht nicht hell genug war. Dann steckte auch noch Abschluss-Star Klaus Bittermann im Stau ...

Seine von Videosequenzen begleitete Skizze um den unkonventionellen Amerikaner Hunter S. Thompson lohnte jedoch das Warten. Der Verleger der Edition Tiamat stellte den Schöpfer des Gonzo-Journalismus vor, "einen der größten Außenseiter der Welt". Allerdings zog es mehr Mainzer zur 05-Aufstiegsfeier als in den Keller und zur Literatur.

Doch das ändert nichts daran , dass Spies mit dem Literaturfestival ein wunderbares Pendant zur Minipressen-Messe gelungen ist. Ob es ein zweites Mal geben wird? "Ich will da keine Tradition schaffen", meinte die Organisatorin eher ablehnend - und: "Wenn, dann nur in konzentrierter Form." Vielleicht sieht sie das positiver, wenn sie erst wieder ausschlafen darf und sich von den Autoren erholt hat. Schön wäre es.
Gerd Blase

http://rhein-zeitung.de/on/09/05/26/magazin/szeneregional/t/rzo573860.html
26.5.09 20:59
 


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